Zehn Fahrzeuge, die gleichzeitig mit voller Leistung laden, brauchen ein Vielfaches dessen, was ein durchschnittlicher Gewerbeanschluss hergibt. Trotzdem lassen sich an vielen Standorten zehn, zwanzig oder mehr Ladepunkte betreiben – ohne neuen Trafo und ohne monatelanges Warten auf den Netzbetreiber. Der Schlüssel heißt Lastmanagement.
Der Schlüssel: Gleichzeitigkeit klug nutzen
Ein Ladepunkt kann je nach Ausführung zum Beispiel 11 oder 22 Kilowatt abrufen. In der Praxis laden aber selten alle Fahrzeuge gleichzeitig mit voller Leistung – und die meisten stehen ohnehin viele Stunden. Genau darin liegt die Chance: Die vorhandene Leistung wird über die Standzeit klug verteilt, und der bestehende Netzanschluss reicht für deutlich mehr Ladepunkte.
Statisch oder dynamisch
- Statisches Lastmanagement: Ein fester Leistungswert wird auf die Ladepunkte aufgeteilt. Einfach, aber unflexibel: Steht nur ein Fahrzeug da, lädt es trotzdem nur mit seinem Anteil – und der Gebäudeverbrauch wird nicht berücksichtigt.
- Dynamisches Lastmanagement: Ein Zähler am Netzanschluss misst laufend, wie viel Leistung das Gebäude gerade braucht. Den Rest gibt das System an die Ladepunkte weiter. Ist viel frei, laden die Fahrzeuge schnell; läuft im Betrieb gerade eine große Maschine, wird die Ladeleistung kurz gedrosselt.
Für Gewerbe mit schwankendem Verbrauch ist dynamisches Lastmanagement fast immer die richtige Wahl.
Strategien: Wer bekommt wie viel?
| Strategie | Prinzip | Geeignet für |
|---|---|---|
| Gleichverteilung | Alle ladenden Fahrzeuge erhalten denselben Anteil | Wohnanlagen, Mitarbeiterparkplätze |
| Prioritäten | Bestimmte Fahrzeuge oder Nutzergruppen laden zuerst | Fuhrpark mit Dienst- und Privatfahrzeugen |
| Abfahrtszeit | Wer früher losfahren muss, bekommt mehr Leistung | Logistik, Service, Pflegedienste |
| Solarüberschuss | Geladen wird bevorzugt mit eigenem Solarstrom | Betriebe mit Photovoltaik |
| Preis- und Spitzenoptimierung | Laden zu günstigen Zeiten, ohne die Jahreshöchstlast zu erhöhen | RLM-Kunden mit Leistungspreis |
Gute Systeme kombinieren mehrere Strategien – etwa Prioritäten für Dienstfahrzeuge plus Solarüberschuss für alle anderen.
Rechenbeispiel: Gewerbebetrieb mit zwölf Ladepunkten
- Netzanschluss: 250 kW, Spitzenlast des Betriebs tagsüber 180 kW → 70 kW frei
- Geplant: 12 Ladepunkte à 11 kW → rechnerisch 132 kW
- Bedarf: 12 Fahrzeuge × 15 kWh = 180 kWh pro Arbeitstag
- Verfügbar: 70 kW × 8 Stunden = 560 kWh – mehr als das Dreifache des Bedarfs
Ohne Lastmanagement wäre eine Anschlussverstärkung nötig. Mit dynamischer Steuerung reicht der bestehende Anschluss mit großer Reserve, und die Jahreshöchstlast steigt nicht. Wer zusätzlich Spitzen abfangen oder mehr Ladepunkte betreiben will, kombiniert das Lastmanagement mit einem Batteriespeicher.
Was das bringt
- Kein oder späterer Netzausbau: Der vorhandene Anschluss reicht oft für deutlich mehr Ladepunkte.
- Keine teuren Leistungsspitzen: Bei Gewerbekunden mit Leistungsmessung richtet sich ein Teil der Netzentgelte nach der höchsten Viertelstunde im Jahr. Lastmanagement hält sie niedrig, siehe Lastspitzenkappung.
- Erweiterbar: Neue Ladepunkte lassen sich einbinden, ohne das System neu zu planen.
- Strompreisoptimiert: Mit variablen Tarifen oder eigener Photovoltaik wird bevorzugt dann geladen, wenn Strom günstig ist.
Schieflast: das unterschätzte Detail
Viele Fahrzeuge laden nicht auf allen drei Phasen, sondern nur auf einer oder zwei. Laden mehrere solcher Fahrzeuge auf derselben Phase, wird diese stärker belastet als die anderen. Die technischen Anschlussregeln begrenzen diese Schieflast. Ein phasengenaues Lastmanagement misst jede Phase einzeln und verteilt die Leistung so, dass die Grenzwerte eingehalten werden – bei vielen Ladepunkten ein wichtiges Qualitätsmerkmal.
Steuerbare Verbrauchseinrichtungen nach § 14a EnWG
Seit 2024 gelten neu angeschlossene Wallboxen, Wärmepumpen und Speicher mit mehr als 4,2 kW am Niederspannungsnetz als steuerbare Verbrauchseinrichtungen. Der Netzbetreiber darf ihren Bezug nicht ablehnen, aber bei drohender Netzüberlastung vorübergehend begrenzen – auf mindestens 4,2 kW. Im Gegenzug sinken die Netzentgelte, je nach gewähltem Modul pauschal oder über einen reduzierten Arbeitspreis.
Für Standorte mit mehreren Ladepunkten ist wichtig: Sie können über ein Energiemanagementsystem gemeinsam angesteuert werden. Das System setzt die Vorgabe des Netzbetreibers dann so um, dass der Betrieb möglichst wenig merkt. Für Anschlüsse in der Mittelspannung gelten andere Regeln.
Worauf es bei der Planung ankommt
- Messung am Netzanschluss: Nur wer den aktuellen Verbrauch kennt, kann dynamisch steuern.
- Offene Standards: Ladepunkte und Steuerung sollten über offene Protokolle wie OCPP kommunizieren – so bleiben Sie herstellerseitig flexibel.
- Prioritäten festlegen: Haben Dienstfahrzeuge Vorrang vor Mitarbeiterfahrzeugen?
- Standzeiten kennen: Fahrzeuge, die über Nacht stehen, kommen mit wenig Leistung aus.
- Phasen beachten: Schieflast von Anfang an berücksichtigen.
- Reserve einplanen: Wer heute fünf Ladepunkte baut, sollte die Leitungen für mehr auslegen.
Sie möchten wissen, wie viele Ladepunkte Ihr Standort verträgt? Starten Sie die Ersteinschätzung.
Häufige Fragen
Was ist dynamisches Lastmanagement?
Ein dynamisches Lastmanagement misst laufend den Strombezug am Netzanschluss und verteilt nur die gerade freie Leistung auf die Ladepunkte. Läuft im Betrieb eine große Maschine, wird die Ladeleistung kurz gedrosselt; ist viel frei, laden die Fahrzeuge schneller.
Wie viele Ladepunkte verträgt mein Netzanschluss?
Das hängt von der freien Leistung, den Standzeiten und der Fahrleistung ab. Ein Gewerbebetrieb mit 70 kW freier Leistung kann mit Lastmanagement problemlos zwölf und mehr Ladepunkte betreiben, wenn die Fahrzeuge mehrere Stunden stehen.
Was bedeutet § 14a EnWG für Ladepunkte?
Seit 2024 neu angeschlossene Wallboxen und andere steuerbare Verbrauchseinrichtungen über 4,2 kW am Niederspannungsnetz muss der Netzbetreiber anschließen, darf ihren Bezug aber bei drohender Überlastung vorübergehend begrenzen – auf mindestens 4,2 kW. Im Gegenzug sinken die Netzentgelte. Mehrere Ladepunkte können über ein Energiemanagement gemeinsam gesteuert werden.
Was ist Schieflast beim Laden?
Viele Fahrzeuge laden nur auf einer oder zwei Phasen. Laden mehrere davon auf derselben Phase, entsteht eine ungleiche Belastung. Die technischen Anschlussregeln begrenzen diese Schieflast. Ein phasengenaues Lastmanagement verteilt die Fahrzeuge so, dass die Grenzwerte eingehalten werden.
Dieser Artikel gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Vorgaben und Marktbedingungen ändern sich; maßgeblich sind die jeweils aktuellen Richtlinien.
