Viele Unternehmen schauen bei der Stromrechnung vor allem auf den Preis pro Kilowattstunde. Ein erheblicher Teil der Kosten entsteht aber an anderer Stelle: beim Leistungspreis. Und der wird durch einen einzigen Moment im Jahr bestimmt. Wer diesen Moment kennt und steuert, senkt seine Netzentgelte dauerhaft.
Arbeitspreis und Leistungspreis
Gewerbe- und Industriekunden mit mehr als 100.000 kWh Jahresverbrauch haben in der Regel eine registrierende Leistungsmessung (RLM). Ihr Zähler erfasst den Verbrauch in Viertelstundenwerten. Die Netzentgelte werden dann in zwei Teilen abgerechnet:
- Arbeitspreis: für jede verbrauchte Kilowattstunde
- Leistungspreis: für die höchste Leistung, die in einer Viertelstunde des Abrechnungsjahres aus dem Netz bezogen wurde
Läuft also an einem einzigen Tag im Jahr für fünfzehn Minuten alles gleichzeitig – Kompressoren, Öfen, Lüftung und zehn ladende Elektrofahrzeuge – bestimmt diese eine Viertelstunde die Leistungskosten für das ganze Jahr.
Die 2.500-Stunden-Grenze
Wie stark sich eine Spitze auswirkt, hängt von der Benutzungsdauer ab. Sie ergibt sich aus Jahresverbrauch geteilt durch Jahreshöchstlast. Ein Betrieb mit 1,5 Mio. kWh und 500 kW Höchstlast kommt auf 3.000 Stunden.
Die Netzbetreiber haben zwei Preissysteme – unterhalb und oberhalb von 2.500 Stunden. Ein Beispiel aus einem Preisblatt 2026 für die Mittelspannung:
| Benutzungsdauer | Leistungspreis | Arbeitspreis |
|---|---|---|
| unter 2.500 Stunden | ca. 12 €/kW·a | ca. 7,8 ct/kWh |
| ab 2.500 Stunden | ca. 173 €/kW·a | ca. 1,3 ct/kWh |
Die Werte unterscheiden sich je nach Netzgebiet und Spannungsebene erheblich. Das Muster ist aber überall ähnlich: Ab 2.500 Stunden ist der Leistungspreis ein Vielfaches höher – dort lohnt sich Lastspitzenkappung am meisten. Unterhalb dieser Grenze ist der Hebel deutlich kleiner. Da eine niedrigere Spitze die Benutzungsdauer erhöht, muss die Rechnung beide Preissysteme berücksichtigen.
Wie Lastspitzenkappung funktioniert
Bei der Lastspitzenkappung, englisch Peak Shaving, wird ein Grenzwert für den Netzbezug festgelegt. Steigt der Bedarf darüber, springt ein Batteriespeicher ein und liefert die Differenz. Für den Zähler sieht es so aus, als hätte der Betrieb nie mehr als den Grenzwert gebraucht.
In ruhigen Zeiten lädt der Speicher wieder – aus dem Netz oder, besser noch, aus der eigenen Photovoltaikanlage.
Ergänzend lassen sich Verbraucher verschieben: Ein Kühlhaus kühlt etwas vor, Ladepunkte drosseln kurz, eine Pumpe startet zehn Minuten später. Ein Energiemanagementsystem koordiniert das automatisch – und schont so den Speicher.
So lesen Sie Ihren Lastgang
Der Lastgang ist die wichtigste Datenquelle. Sie erhalten ihn beim Netz- oder Messstellenbetreiber, meist als Tabelle mit rund 35.000 Viertelstundenwerten pro Jahr – wie Sie die Datei anfordern und lesen, zeigt der Artikel Lastgang auswerten. Diese Kennzahlen sind entscheidend:
| Kennzahl | Was sie zeigt |
|---|---|
| Jahreshöchstlast | Die abgerechnete Spitze – Ausgangspunkt der Rechnung |
| Die zehn höchsten Spitzen | Ob die Spitze ein Ausreißer ist oder regelmäßig auftritt |
| Dauer der Spitzen | Wie lange der Speicher liefern muss – bestimmt die Kapazität |
| Abstand zwischen den Spitzen | Ob der Speicher zwischendurch nachladen kann |
| Jahresdauerlinie | Wie viele Viertelstunden über einem möglichen Grenzwert liegen |
| Zeitpunkt und Wochentag | Welche Prozesse die Spitze verursachen – Schichtbeginn, Anlauf, Laden |
Oft zeigt schon die Analyse, dass einzelne Spitzen durch organisatorische Maßnahmen verschwinden – etwa durch gestaffelte Anlaufzeiten nach der Mittagspause.
Ein Rechenbeispiel
Ein Betrieb hat eine Jahreshöchstlast von 500 kW bei 1,6 Mio. kWh Jahresverbrauch – eine Benutzungsdauer von 3.200 Stunden. Der Leistungspreis liegt bei 130 Euro pro Kilowatt und Jahr. Die Spitzen dauern selten länger als 45 Minuten.
- Ziel: Kappung um 20 Prozent auf 400 kW
- Eingesparte Leistung: 100 kW
- Einsparung Leistungskosten: 100 kW × 130 €/kW = 13.000 Euro pro Jahr
- Speicher: rund 100 kW Leistung; für 45 Minuten etwa 75 kWh Energie – mit Reserve für Alterung und aufeinanderfolgende Spitzen eher 120 kWh nutzbare Kapazität
Die Zahlen sind ein Beispiel. Rechnen Sie mit Ihren eigenen Werten im Lastspitzen-Rechner.
Wann sich Lastspitzenkappung lohnt
Gute Voraussetzungen sind:
- Benutzungsdauer über 2.500 Stunden und damit ein hoher Leistungspreis
- Kurze, hohe Spitzen statt einer gleichmäßig hohen Last
- Seltene Spitzen, damit der Speicher zwischendurch nachladen kann
- Zusätzliche Nutzung des Speichers, etwa für Solarstrom oder Ladepunkte
Weniger geeignet sind Betriebe mit dauerhaft hoher Last ohne ausgeprägte Spitzen oder mit sehr niedriger Benutzungsdauer – hier helfen eher Effizienz und Lastverschiebung.
Was ohne Speicher möglich ist
Nicht jede Spitze braucht eine Batterie. Häufig wirken diese Maßnahmen schon spürbar:
- Anlaufzeiten staffeln: Große Verbraucher nicht gleichzeitig starten
- Sanftanlauf und Frequenzumrichter: Anlaufströme von Motoren begrenzen
- Lastmanagement für Ladepunkte: Fahrzeuge laden, wenn Leistung frei ist
- Abschaltbare Verbraucher: Klima, Lüftung oder Warmwasser kurz pausieren
Der Speicher übernimmt dann den Rest – und kann kleiner ausfallen.
Die Rolle der künstlichen Intelligenz
Ein einfaches System reagiert erst, wenn die Spitze da ist. Ist der Speicher in diesem Moment leer, nützt er nichts – und eine einzige verpasste Viertelstunde kostet den Jahresvorteil. Ein KI-gestütztes Energiemanagement lernt aus Lastgang, Betriebszeiten und Wetterdaten, wann Spitzen wahrscheinlich sind, und hält den Speicher dafür bereit. Gleichzeitig nutzt es freie Kapazität für Solarstrom oder günstige Netzzeiten. Mehr dazu im Artikel KI im Energiemanagement.
Ausblick: Kapazitätspreis ab 2029
Die Bundesnetzagentur entwickelt im Verfahren „AgNes“ eine neue Netzentgeltsystematik, die ab 2029 gelten soll. Nach dem Entwurf vom Sommer 2026 würde der Leistungspreis für größere Abnehmer durch einen Kapazitätspreis für eine vorab bestellte Leistung ersetzt. Strommengen oberhalb dieser Kapazität würden mit einem deutlich höheren Arbeitspreis abgerechnet – laut Entwurf dem Zwei- bis Dreieinhalbfachen. Die Festlegung ist noch nicht beschlossen. Für Unternehmen heißt das: Wer seine Spitzen sicher begrenzen kann, kann künftig eine niedrigere Kapazität bestellen. Lastspitzenkappung bleibt damit auch im neuen System wertvoll.
So gehen Sie vor
- Lastgang anfordern: Viertelstundenwerte des letzten Jahres beim Netz- oder Messstellenbetreiber.
- Preisblatt prüfen: Leistungs- und Arbeitspreis Ihres Netzbetreibers, Benutzungsdauer berechnen.
- Spitzen analysieren: Wie hoch, wie lang, wie oft, wodurch verursacht?
- Maßnahmen prüfen: Verschieben, Speicher, Kombination mit Photovoltaik und Ladepunkten.
- Wirtschaftlichkeit rechnen: Investition, Einsparung und Amortisation gegenüberstellen – heute und im künftigen Netzentgeltsystem.
- Umsetzen und laufend optimieren.
Sie möchten Ihren Lastgang auswerten lassen? Starten Sie die Ersteinschätzung.
Häufige Fragen
Was ist Peak Shaving?
Peak Shaving, deutsch Lastspitzenkappung, begrenzt den maximalen Strombezug aus dem Netz. Steigt der Bedarf über einen Grenzwert, liefert ein Batteriespeicher die Differenz oder Verbraucher werden kurz verschoben. Dadurch sinkt die abgerechnete Jahreshöchstlast und mit ihr der Leistungspreis.
Ab wann zahlt ein Unternehmen einen Leistungspreis?
In der Regel ab einem Jahresverbrauch von mehr als 100.000 kWh. Dann wird eine registrierende Leistungsmessung (RLM) eingebaut, die den Verbrauch in Viertelstundenwerten erfasst. Die Netzentgelte bestehen dann aus Arbeitspreis und Leistungspreis.
Wie viel lässt sich mit Lastspitzenkappung sparen?
Jedes gekappte Kilowatt spart den Leistungspreis des Netzbetreibers. In der Mittelspannung liegt er bei einer Benutzungsdauer ab 2.500 Stunden häufig zwischen etwa 60 und über 170 Euro pro Kilowatt und Jahr. Wer seine Spitze um 100 kW senkt, spart also schnell fünfstellige Beträge pro Jahr.
Was passiert, wenn der Speicher eine Spitze verpasst?
Dann gilt diese Viertelstunde als Jahreshöchstlast – der Vorteil ist für das Abrechnungsjahr weitgehend verloren. Deshalb braucht es eine Reserve im Speicher, eine vorausschauende Steuerung und einen realistisch gewählten Grenzwert.
Brauche ich für Lastspitzenkappung eine Photovoltaikanlage?
Nein. Der Speicher kann aus dem Netz nachladen, wenn die Last niedrig ist. Mit Photovoltaik kommt aber ein zweites Einsatzfeld hinzu, das die Wirtschaftlichkeit deutlich verbessert.
Dieser Artikel gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Vorgaben und Marktbedingungen ändern sich; maßgeblich sind die jeweils aktuellen Richtlinien.
